Kleine Schritte zurück ins Spüren
Verena Richter Achtsamkeit

Achtsamkeits-Impulse für die hellere Jahreszeit

Mit den ersten warmen Tagen, mehr Licht und längeren Abenden verändert sich nicht nur die Natur – auch unser inneres Erleben kann in Bewegung kommen. Nach den oft ruhigeren Wintermonaten beginnt für viele Menschen eine Zeit, in der sich wieder mehr Lebendigkeit zeigt. Die Umgebung wird heller, Farben treten deutlicher hervor, Geräusche verändern sich, und vieles wirkt offener und zugänglicher. Diese äußeren Veränderungen können eine Einladung sein, auch die eigene Wahrnehmung wieder bewusster in den Blick zu nehmen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Licht.

Aus wissenschaftlicher Sicht hat Licht einen gut belegten Einfluss auf den menschlichen Organismus. Es ist ein wesentlicher Taktgeber für den sogenannten zirkadianen Rhythmus, also den Schlaf-Wach-Zyklus, der durch den Wechsel von Helligkeit und Dunkelheit gesteuert wird. Licht beeinflusst unter anderem die Ausschüttung von Melatonin, das vor allem bei Dunkelheit gebildet wird und den Schlaf unterstützt, sowie von Serotonin, das mit Wachheit, Aktivität und Stimmungslage in Verbindung steht. Darüber hinaus zeigen Untersuchungen, dass natürliches Tageslicht stabilisierend auf biologische Rhythmen wirken und das subjektive Wohlbefinden positiv beeinflussen kann. Es trägt dazu bei, den Organismus zu aktivieren, Orientierung im Tagesverlauf zu schaffen und innere Prozesse zu regulieren.

Neben diesen körperlichen Prozessen bezogen auf das Licht kann die hellere Jahreszeit mit ihrem Erwachen, ihren Farben und Düften auch dazu einladen, die eigenen Sinne wieder bewusster in den Vordergrund zu rücken und sie als Zugang zu mehr Achtsamkeit im eigenen Erleben zu nutzen.

Viele Sinneseindrücke werden im Alltag oft nur am Rande wahrgenommen, da unsere Aufmerksamkeit stark von Gedanken, Aufgaben oder äußeren Anforderungen beeinflusst ist. Wenn es jedoch gelingt, den Fokus bewusst auf das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken oder Fühlen zu lenken, kann sich das Erleben spürbar verändern. Die Wahrnehmung wird klarer, der Moment greifbarer und der Kontakt zum eigenen Erleben unmittelbarer. Gerade darin liegt eine einfache Möglichkeit, Achtsamkeit im Alltag zu fördern – nicht als zusätzliche Aufgabe, sondern als bewusste Ausrichtung dessen, was ohnehin ständig vorhanden ist: unsere Sinne.

Vielleicht lohnt es sich, sich einen Moment Zeit zu nehmen und innezuhalten: Wann haben Sie zuletzt den Duft einer Blume oder von frischer Erde bewusst wahrgenommen – oder den Geruch von Regen, Kaffee, frisch gewaschener Wäsche oder einer vertrauten Umgebung wirklich eingeatmet und registriert?

Wann haben Sie den Geschmack eines Getränks oder einer Speise nicht nur nebenbei, sondern mit Aufmerksamkeit erlebt – die Wärme einer Tasse Tee, die Kühle eines Wassers, die einzelnen Nuancen eines Bissens?

Wann haben Sie gespürt, wie sich etwas auf Ihrer Haut anfühlt – ein Windhauch im Gesicht, die Wärme der Sonne, das Material Ihrer Kleidung oder einfach die Berührung Ihrer eigenen Hände?

Wann haben Sie bewusst gehört, was Sie umgibt – Stimmen, Schritte, Musik oder auch die Stille eines Ortes – ohne es sofort zu übergehen oder auszublenden?

Und wann ist Ihnen zuletzt aufgefallen, wie sich ein Blatt im Wind bewegt, wie Vögel ruhig auf einem Ast sitzen oder wie Wolken langsam über den Himmel ziehen?

Solche Eindrücke mögen auf den ersten Blick klein und unscheinbar erscheinen. Aus wissenschaftlicher Sicht sind sie jedoch keineswegs unbedeutend. Die bewusste Achtsamkeit aktiviert grundlegende neuronale Verarbeitungsprozesse, die eng mit Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und Stressverarbeitung verbunden sind.

Studien zeigen, dass achtsame Sinneswahrnehmungen dazu beitragen können, das autonome Nervensystem zu regulieren, Anspannung zu reduzieren und das Erleben von Präsenz im Moment zu fördern. Und weiters, dass achtsamkeitsbasierte Aufmerksamkeitslenkung mit Veränderungen der Herzfrequenzvariabilität und der autonomen Regulation einhergeht, was als Hinweis auf eine verstärkte parasympathische Aktivität und eine Reduktion physiologischer Stressreaktionen gewertet wird.

Gerade darin liegt eine oft unterschätzte Ressource: Über die Sinne kann der Kontakt zum eigenen Erleben wieder gestärkt werden. Der Fokus verschiebt sich weg vom reinen Funktionieren hin zu einem bewussteren Wahrnehmen. Dies kann nicht nur entlastend wirken, sondern auch dabei unterstützen, sich selbst wieder näher zu kommen – mit allem, was gerade da ist: angenehmen Empfindungen ebenso wie leisen Spannungen oder innerer Unruhe.

Vielleicht liegt die Qualität dieser Jahreszeit also nicht nur im Mehr an Licht und Aktivität, sondern auch in der Einladung, die eigenen Sinne wieder mehr und bewusster wahrzunehmen, um ins Spüren zu kommen.

In diesem Sinne: Gönnen Sie sich kleine Achtsamkeits-Augenblicke!